Expressionismus in der Literatur: Aufschrei und Zeitdiagnose

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Expressionismus in der Literatur: Aufschrei und Zeitdiagnose
Expressionismus in der Literatur: Aufschrei und Zeitdiagnose
 
WĂ€hrend der Expressionismus heute als herausragende Bewegung in der deutschen Kunst und Literatur zwischen 1910 und 1920 gilt, war der Begriff fĂŒr die Zeitgenossen keineswegs selbstverstĂ€ndlich oder klar definiert. Er taucht zuerst 1911 ohne weitere ErlĂ€uterung im Vorwort eines Ausstellungskatalogs der »Berliner Secession« zur Bezeichnung von kubistischen und fauvistischen Bildern junger französischer Maler, darunter Georges Braque und Pablo Picasso. Der Begriff wurde von Kurt Hiller im selben Jahr in einem Beitrag der »Heidelberger Zeitung« zur Charakterisierung der literarischen Arbeiten von jungen Berliner Autoren wie Jakob van Hoddis und Georg Heym verwendet, die sich 1909 in dem von Hiller gegrĂŒndeten »Neuen Club« zusammengefunden hatten, um eigene Gedichte zu diskutieren. Aus diesem Club gingen 1911 das »Neopathetische Cabaret« und die erste Anthologie expressionistischer Lyrik hervor, die Hiller unter dem Titel »Der Kondor« im Heidelberger Weissbach Verlag herausgab. Darunter waren neben Texten von Heym und van Hoddis auch Gedichte von Else Lasker-SchĂŒler, Max Brod und Franz Werfel. Allerdings verwendete Hiller den Begriff in seiner Vorrede nicht, sodass er auch hier keine programmatische Bedeutung bekam.
 
Es dauerte einige Jahre, bis sich der Begriff in der zeitgenössischen Diskussion durchsetzte: ab 1914 zunĂ€chst in der bildenden Kunst und ab 1917 auch in der Literatur. Bedeutende Schriftsteller, die spĂ€ter zum Expressionismus gerechnet wurden, lebten zu dieser Zeit allerdings schon nicht mehr wie Georg Heym, Ernst Stadler, August Stramm und Georg Trakl. Andere wollten sich mit dem Begriff nicht identifizieren wie Gottfried Benn oder Franz Kafka, der wegen der Themen in seinen ErzĂ€hlungen bisweilen zum Umfeld des Expressionismus gerechnet wird, obwohl sich seine nĂŒchterne und antipsychologische Schreibweise deutlich von ihm unterscheidet. Auch die bekannteste Sammlung expressionistischer Lyrik, die von Kurt Pinthus herausgegebene »MenschheitsdĂ€mmerung«, bekam erst in der Neuausgabe von 1959 den Zusatz »Ein Dokument des Expressionismus«, wĂ€hrend sie 1920 mit dem Untertitel »Symphonie jĂŒngster Dichtung« erschienen war.
 
Diese geringe Akzeptanz des Begriffs unter den Zeitgenossen ist darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass es seit 1910 zwar ungewöhnlich viele junge Schriftsteller gab, die in ausdrucksstarken Worten die Erneuerung der Menschheit forderten und deshalb zum Expressionismus gerechnet wurden. Doch war dieser Aufschrei keineswegs der einzige Versuch, mit der Kunst auch die Welt zu verĂ€ndern. So hatte sich bereits der in Frankreich entstandene Symbolismus mit den Werken von Rainer Maria Rilke, Stefan George und Hugo von Hofmannsthal seit 1890 auch in Deutschland zu einer wirkungsvollen literarischen Strömung entwickelt, die die Vertreter des frĂŒhen Expressionismus stark beeinflusst hatten. Daneben haben viele deutsche Schriftsteller, die spĂ€ter zum Expressionismus gerechnet wurden, wie Johannes R. Becher, Alfred Döblin und August Stramm, die Anregungen des Futurismus aufgenommen, der 1908 unter FederfĂŒhrung Marinettis in Italien entstanden war und Elemente wie Technik, Geschwindigkeit und GegenwĂ€rtigkeit in die Kunst zu integrieren versuchte. Und nicht zuletzt waren einige der Autoren und bildenden KĂŒnstler, die 1916 in ZĂŒrich zu den BegrĂŒndern des Dadaismus gehörten, wie Hugo Ball, Hans Arp und Richard Huelsenbeck, trotz ihrer spĂ€teren Kritik zunĂ€chst AnhĂ€nger des Expressionismus, wĂ€hrend andere Expressionisten wie George Grosz oder Franz Jung von 1918 an in Berlin die Politisierung des Dadaismus und die Rezeption des russischen Konstruktivismus betrieben haben, der Kunst und Technik miteinander zu verbinden versuchte.
 
Auch die 1910 von Herwarth Walden gegrĂŒndete Zeitschrift »Der Sturm«, die sich - zusammen mit der gleichnamigen Galerie - ab 1912 nachdrĂŒcklich fĂŒr den Expressionismus einsetzte, machte alle Richtungen der europĂ€ischen Avantgarde in Deutschland bekannt. Die erste Ausstellung in der »Sturm«-Galerie galt 1912 den Bildern der ein Jahr zuvor gegrĂŒndeten KĂŒnstlervereinigung »Der Blaue Reiter« sowie anderer expressionistischer Maler. Ihr folgte wenige Monate spĂ€ter die viel beachtete Ausstellung von Bildern des italienischen Futurismus, die von werbewirksamen Aktionen Marinettis in Berlin begleitet wurde. Gefördert hat Walden neben expressionistischen und abstrakten Malern wie Kokoschka, Kandinsky und Klee auch viele Schriftsteller wie Else Lasker-SchĂŒler, Kurt Schwitters und August Stramm, dessen klangorientierte und schriftreduzierte lyrische Sprache nach seinem Tod (1915) zur Ausarbeitung einer eigenen »Wortkunst«-Theorie des Sturmkreises fĂŒhrte.
 
Neben Waldens Kunstimperium, zu dem auch ein Buchverlag und eine Malerschule gehörten, haben zahlreiche, oft nur sehr kurzlebige Zeitschriften die Literatur des Expressionismus verbreitet. Einflussreich war neben dem »Sturm« vor allem die stĂ€rker politisch orientierte »Aktion« (1911-32), die von Franz Pfemfert herausgegeben wurde. Daneben sind die BĂŒcher expressionistischer Autoren in zahlreichen Verlagen erschienen. Unter ihnen ragt der Kurt Wolff Verlag mit seiner Reihe »Der jĂŒngste Tag« heraus. Hier wurden zwischen 1913 und 1921 86 BĂŒcher veröffentlicht, von denen viele in den Kanon der deutschen Literatur eingegangen sind: Werke von Benn, Kafka, Trakl, Carl Sternheim und Ernst Toller.
 
Obwohl die Lyrik wegen ihrer NĂ€he zum subjektiven Ausdruck und ihrer unmittelbaren PrĂ€senz die wichtigste Gattung des Expressionismus war, haben auch Drama und Prosa erneuert worden. Im Theater, mit dem die Expressionisten große Erfolge bei den Zeitgenossen hatten, entstanden zwei neue Formen: zum einen das Protagonisten- und VerkĂŒndigungsdrama, das durch die Dominanz einer herausragenden Figur und ihrer Verlautbarungen geprĂ€gt ist, wie in Reinhard Johannes Sorges »Der Bettler« (1912); zum anderen entstand das von der Technik des Films beeinflusste Stationen- oder Wandlungsdrama, in dem sich eine Figur durch Begegnungen und Aufenthalte an verschiedenen Orten innerlich und Ă€ußerlich verĂ€ndert, wie in Georg Kaisers »Von Morgens bis Mitternachts« (1912). In StĂŒcken, in denen der ĂŒbermĂ€chtige Vater vom aufbegehrenden Sohn symbolisch oder real ermordet wird, hat das expressionistische Drama seine wirkungsvollste AusprĂ€gung erfahren wie in Walter Hasenclevers »Sohn« (1914) oder in Arnolt Bronnens »Vatermord« (1920).
 
In der Prosa dominieren die kurzen ErzĂ€hlformen, wenn man von Alfred Döblins erstem Roman »Die drei SprĂŒnge des Wang-lun« (1915) absieht. Das psychologisch-moralisierende ErzĂ€hlen des Realismus war schon Ende des 19. Jahrhunderts in eine Krise geraten, die vor allem Döblin in mehreren BeitrĂ€gen wie den »Bemerkungen zum Roman« (1917) erörtert hat und durch die Forderung nach einer typisierenden, am Film orientierten Darstellungsweise zu ĂŒberwinden versuchte, ohne allerdings schnelle Lösungen anzubieten. So konnte der deutsche Roman erst Ende der Zwanzigerjahre mit Döblins »Berlin Alexanderplatz« wieder Anschluss an die europĂ€ische und US-amerikanische Literatur finden. Dennoch gab es eine Reihe von Prosatexten, die auch in der zeitgenössischen Literatur beachtet wurden. Dazu gehört Carl Einsteins »Bebuquin« (Zeitschriftenfassung 1912), in dem die Krise des ErzĂ€hlens zum Gegenstand der Darstellung gemacht wird. »Welch schlechter Romanstoff bin ich«, so heißt es hier, »da ich nie etwas tun werde, mich in mir drehe, ich möchte gern ĂŒber Handeln etwas Geistreiches sagen, wenn ich nur wĂŒsste, was es ist. Sicher ist, dass ich noch nie gehandelt habe.« Auch in Benns Prosaband »Gehirne« (1916) wird die Handlung durch die Reflexion des ErzĂ€hlers ĂŒberlagert, obwohl die fĂŒnf kurzen Texte im Untertitel als »Novellen« bezeichnet werden. »Rönne«, so heißt es hier, »lebte einsam seiner Entwicklung hingegeben und arbeitete viel. Seine Studien galten der Schaffung einer neuen Syntax«.
 
VielfĂ€ltiger und komplexer als Drama und Prosa ist die Lyrik des Expressionismus, da hier alle Epochentendenzen auftauchen und miteinander verknĂŒpft sind. Man kann zwei Grundströmungen unterscheiden. Die pathetisch-visionĂ€re Richtung, die sich auch an der Literatur des Barocks orientiert, fordert in Anlehnung an die Philosophie Nietzsches die Erneuerung des Menschen oder sieht das Ende der Welt vor Augen. Sie findet sich unter anderem in den Gedichten Franz Werfels, die in der »MenschheitsdĂ€mmerung« die grĂ¶ĂŸte Gruppe bilden. »Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein!«, lautet zum Beispiel die erste Zeile in Werfels Gedicht »An den Leser«, der weitere »O-Mensch«-Verse zur Seite gestellt werden können. Der Erste Weltkrieg, den viele Expressionisten wie viele deutsche Schriftsteller zunĂ€chst begrĂŒĂŸten und dann als Soldaten in seiner Grausamkeit erlebten, hat den Erneuerungsgestus freilich als TrivialitĂ€t entlarvt und deshalb weitgehend verstummen lassen. An seine Stelle traten pazifistische und sozialistische Auffassungen.
 
Bedeutsamer ist die zeitdiagnostische Richtung in der expressionistischen Lyrik. Sie hat zur Analyse der Gegenwart und zur Entwicklung neuer literarischer Techniken gefĂŒhrt, die vom Futurismus vorbereitet worden waren. Hierzu gehören die Beschreibung der Großstadt und der Simultan- oder Reihungsstil, dem die Darstellungsweise des Films entspricht. Zeiten und RĂ€ume sind dabei gleichzeitig prĂ€sent oder durchdringen sich im raschen Bildwechsel. In Ernst Stadlers berĂŒhmtem Gedicht »Fahrt ĂŒber die Kölner RheinbrĂŒcke bei Nacht«, das von Pinthus in die »MenschheitsdĂ€mmerung« aufgenommen wurde, werden die Themen und Darstellungsweisen des Expressionismus miteinander verknĂŒpft und futuristische Impulse wie die Darstellung von Geschwindigkeit und die Befreiung der Worte aus ihren syntaktischen ZusammenhĂ€ngen aufgenommen. Hier heißt es am Anfang: »Der Schnellzug tastet sich und stĂ¶ĂŸt die Dunkelheit entlang. / Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger, nachtumschienter Minengang, / Darein zuweilen Förderstellen blauen Lichtes jĂ€he Horizonte reißen: Feuerkreis / Von Kugellampen, DĂ€chern, Schloten, dampfend, strömend. .. nur sekundenweis. ..«
 
WĂ€hrend die erste europĂ€ische Avantgarde-Bewegung, der Futurismus, und seine französischen VorlĂ€ufer beziehungsweise Entsprechungen, der Symbolismus und der Kubismus den Expressionismus tief geprĂ€gt haben, begleiteten die spĂ€teren Avantgardebewegungen, der Dadaismus, der Konstruktivismus und der Surrealismus seit Anfang der Zwanzigerjahre neben der Neuen Sachlichkeit seine Auflösung. So heißt es im »Dadaistischen Manifest« von 1918: »Haben die Expressionisten unsere Erwartungen auf eine Kunst erfĂŒllt, die uns die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt? NEIN! NEIN! NEIN!« Und in einem von den Konstruktivisten El Lissitzky und Hans Arp herausgegebenen Band mit dem Titel »Die Kunstismen«, der einen ersten Überblick ĂŒber die verschiedenen Richtungen der europĂ€ischen Avantgarde liefert, heißt es 1925: »Aus Kubismus und Futurismus wurde der falsche Hase, das metaphysische deutsche Beefsteak, der Expressionismus gehackt«.
 
Zwar wurden die Ideen des Expressionismus noch einmal diskutiert, als Alfred Kurella 1937 in der Moskauer Exilzeitschrift »Das Wort« Klaus Manns Kritik an Gottfried Benns Bekenntnis zum Nationalsozialismus zum Anlass nahm, der expressionistischen Bewegung wegen ihres geringen Interesses an den politischen und sozialen VerhĂ€ltnissen eine Mitschuld an der Entstehung des Nationalsozialismus vorzuwerfen. Doch zeigen die BeitrĂ€ge von Herwarth Walden, Ernst Bloch, György LukĂĄcs, Bertolt Brecht und anderen, dass es hier weniger um die Literatur der Zwanzigerjahre als um die unterschiedlichen Realismusauffassungen in der linksorientierten Literatur des Exils ging. Dass einer der Hauptvertreter des frĂŒhen Expressionismus, nĂ€mlich Johannes R. Becher, 1933 in die Sowjetunion emigriert war und 1954 erster Minister fĂŒr Kultur in der Deutschen Demokratischen Republik wurde, zeigt darĂŒber hinaus, wie unterschiedlich die Lebenswege expressionistischer Autoren gewesen sind.
 
Erst Ende der FĂŒnfzigerjahre entstand mit der Neuausgabe der »MenschheitsdĂ€mmerung« (1959) und der ersten Ausstellung zur expressionistischen Kunst und Literatur im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar (1960) ein neues Interesse an der Bewegung. Zwar hatte sich Gottfried Benn in seiner 1955, kurz vor seinem Tod verfassten Einleitung zu einem Band mit dem Titel »Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts« noch einmal gegen eine undifferenzierte Verwendung des Begriffs »Expressionismus« ausgesprochen. Doch konnte er dessen Siegeszug nicht mehr aufhalten, sodass dieser, gefördert durch verschiedene Anthologien, Bibliographien und historische Darstellungen, zu einer der wichtigsten Kategorien fĂŒr die moderne Literatur in Deutschland wurde.
 
Dr. Detlev Schöttker
 
 
Raabe, Paul: Die Autoren und BĂŒcher des literarischen Expressionismus. Ein bibliographisches Handbuch. Stuttgart 21992.

Universal-Lexikon. 2012.

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